Schwarzfahren in Hannover
Von Georg Franz am 12.08.2007
Ich gebe es ja offen zu, ich habe so einige Vorurteile gegenüber dem Deutschen, aber auch gegenüber dem Österreichischen. Und hier in Hannover bieten sich so einige Gelegenheiten, um einige dieser Vorurteile zu überprüfen.
Ich muss täglich zirka eine halbe bis dreiviertel Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmittel zum Büro fahren. Ausreichend Zeit, um die Gepflogenheiten der Deutschen zu studieren. Regel Nummer Eins: Sei pünktlich und sportlich. Wenn auf einem Busfahrplan dreiviertel Neun steht, dann meinen die Deutschen das auch so. Der Bus kommt um Punkt 8:45. Oder sogar um 8:44.
In Wien ist das undenkbar. Wenn in Wien also dreiviertel Neun auf dem Plan steht, dann heißt das übersetzt: Der Bus fährt heute, möglicherweise kommt er noch vor Neun.
Die Busse der „üstra“ (http://www.uestra.de/) – so heißt hier das städtische Verkehrsunternehmen – sind fast alle behindertengerecht eingerichtet. Aber derjenige, der auf die Idee gekommen ist, die Sitze seitlich zur Fahrtrichtung einzubauen, ja der war sicher ein Genie, das nicht genug gewürdigt werden kann. Wem also bezahlt schlecht werden möchte, möge sich in einen solchen seitlichen Sitz setzen und ein bisschen Bus fahren. Es gibt in einigen Wagen sogar mehr Sitze, die seitlich oder entgegen der Fahrtrichtung eingebaut sind, als solche in Fahrtrichtung. Ein Ticket in eine Richtung, eine Zone, kostet in Hannover € 2,-. In Wien muss man im Bus € 2,20 (http://www.wienerlinien.at) dafür ausgeben, im Vorverkauf kostet das Ticket € 1,70.
Eine weitere Eigenheit hier in Hannover ist, dass die Busse nicht zwingend bei jeder Haltestelle stehen bleiben. Kombiniert mit der Wiener Erfahrung kann das den Adrenalin Spiegel eines ortsunkundingen Österreichers ganz schön erhöhen. In Wien bleibt zwar (meistens) der Bus bei jeder Haltestelle stehen, dafür stimmen aber die Lautsprecher Durchsagen nicht, die bekannt geben, bei welcher Haltestelle man gerade ist. Oft sind die Durchsagen zwei bis drei Stationen „hinten nach“. Man erfährt also gerade, dass man vor drei Stationen hätte aussteigen sollen. Der Wiener Bus bleibt daher nur deswegen bei einer Haltestelle stehen, damit der Fahrgast die Chance hat, den Stationsnamen draußen zu sehen, damit er entscheiden kann, ob er am Ziel angekommen ist.
Wenn man also als gelernter und misstrauischer Wiener in einer fremden Stadt unterwegs ist, braucht man einige Zeit, um wieder Vertrauen zu gewinnen. Wenn man aus dem Lautsprecher „Altwarmbüchen“ hört, dann ist man auch genau da. (Bitte fragen Sie nicht, was ich in Altwarmbüchen mache.)
Weil der Bus nicht in jeder Station stehen bleibt, muss man reaktionsschnell sein. Denn wenn man die Station hört, dann ist man meistens nur noch 30 Meter von ihr entfernt. Aber man braucht zum Glück nicht wie von der Wespe gestochen aufzuspringen und zur Tür zu hechten, denn im Bus ist fast an jedem Sitzplatz ein Stopp-Knopf platziert, der den Fahrer nach Druck halten lässt - vorausgesetzt er funktioniert.
Deutschland ist ja eine große Sportnation, so verwundert es auch kaum, dass die Fahrpläne von durchtrainierten Athleten geschrieben wurden. Ich muss auf dem Weg zur Arbeit zweimal umsteigen. Die Anschlusszüge der U-Bahn erwische ich dann, wenn ich den eilenden Laufschritt anwende. Verpasse ich den ersten Anschlusszug, dann verpasse ich natürlich auch den zweiten, insgesamt verspäte ich mich dann um zirka 20 Minuten.
Unter dem Strich gesehen sind also das Wiener System und das Hannoveraner System gleich gut oder schlecht, ich würde im Schnitt wahrscheinlich gleich schnell am Arbeitsplatz ankommen.
In Wien wurde ich in den vergangenen 14 Jahren insgesamt dreimal in der U-Bahn kontrolliert. Hier in Hannover gleich am ersten Tag dreimal. Zum Glück hatte ich mir aber schon eine Monatskarte besorgt. Denn die Kontrolleure (in Wien „Schwarzkappler“ genannt) sind in Hannover etwas eigen, um es vorsichtig auszudrücken.
Stellen Sie sich einfach eine Horde glatzköpfiger Schlägertypen mit grimmigem Gesicht um die 30 vor, die statt Baseballschläger Kontrolleur-Ausweise haben. Sie sind bestens geübt in allen Nahkampfsportarten und täglich auf der Suche nach dem Schwarzfahrer.
Ich habe hier bewusst die Einzahl geschrieben, weil ich lange Zeit dachte, es gibt in Hannover überhaupt keine. Aber nach rund 100 Kontrollen habe ich einmal erlebt, dass einer erwischt wurde. Zuerst haben sie ihn angeschrien, dann zu Boden geworfen, dann sind sie auf ihm herumgesprungen. Bei der nächsten Station haben sie ihn bei den Haaren gepackt und hinaus gezerrt. Dann haben sie ihn in den öffentlichen Zwinger für Schwarzfahrer gesperrt und zum Schluss musste er noch 40 Euro zahlen. Armes Schwein.
Kommentare (24)
Hannover Schläger Kontrollen
Von Nubsi am 14.08.2011 14:00